Warum feiert ihr eigentlich 15 Jahre Haus Narnia und habt das 14jährige Bestehen außer Acht gelassen-
- fragte mich einer meiner Freunde, als die Einladung zu unserem Jubiläum erhielt.
Er ist Anthroposoph und als solcher sieht er Entwicklung in Siebenjahresschritten.
Warum feiern wir also unser 15jähriges Bestehen- Mit dieser Frage begann ich mich zu beschäftigen.
In der Tat vergleiche ich die Einrichtung mit einem lebenden Organismus.
Als Vater war ich in den ersten Lebensjahren (dem Aufbau der Einrichtung) unabkömmlich.
Nach dem Laufen lernen vollzog sich im siebten Lebensjahr die Trennung von den Mitbegründern, der erste fremde Mitarbeiter wurde angestellt.
Weitere Mitarbeiter kamen hinzu.
Mein Kind (die Einrichtung) begann, eigene Wege zu gehen. Aber mit 14 den Beginn der Pubertät feiern-
Wer macht das schon- Plötzlich wusste ich die Antwort auf die Eingangsfrage.
In der praktischen Arbeit mit den Jugendlichen in der Einrichtung erlebe ich immer wieder, dass die Jungen beginnen, selbstbewusst nach vorne blicken.
Die Pubertätskrise ist überwunden.
Jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt.
Vom Kleinstheim zur Facheinrichtung - das ist ein Grund zum Feiern!
Was sich im Laufe der Jahre verändert hat, will ich im Folgenden skizzieren.
I. Jungenarbeit
Das ist nunmehr der zentrale Arbeitsschwerpunkt.
Arbeitete ich früher gemäß dem Motto you name it, we do it benenne ich jetzt meine Fähigkeiten.
Jungenarbeit ist Arbeit an Normen und Werten.
Verbindlichkeit, Offenheit, Ehrlichkeit und eine konsequente Haltung ist Ausdruck für klare, eindeutige Beziehungsarbeit.
Daszeigt sich bereits beim Aufnahmeverfahren.
II. Aufnahmeverfahren
Nach einem verbindlichen Erstgespräch erfolgen mindestens ein, bisweilen auch mehrere Folgegespräche.
Ich zeige offenes Interesse an den Jungen und erwarte deren Offenheit.
Die Jungen bekommen im Vorfeld eine Aufgabe von mir, in der sie zeigen dürfen, dass sie hier sein wollen.
Sie können dabei gleichzeitig meine Ehrlichkeit testen.
Das Aufnahmeverfahren ist klar und verständlich für die Jungen.
Sie werden als werdende Männer ernst genommen.
III. Mitarbeiter
Wir arbeiten mit einem reinen Männerteam.
Die Jungen erleben die Vielfalt von Männlichkeit.
Sie lernen fürsorgliche Männer kennen.
Wir zeigen ihnen ein neues, offenes Männerbild.
Die Jungen kennen dieses Männerbild nicht.
Sie werden dadurch zu Beginn der Betreuung stark verunsichert.
Diese Verunsicherung ist der Anfang von Veränderung zu eigener Männlichkeit.
IV. Gewaltpädagogik
Im Jahr 2000 beendete ich meine Ausbildung zum Gewaltberater.
Durch drei Jahre Schulung meiner Fremd- und Selbstwahrnehmung gewann ich einen neuen Zugang zu mir und damit auch zu anderen.
Die Jungen schätzen es sehr, dass ich mir meiner selbst bewusster bin.
Mit meiner Hilfe entwickeln sie ein positives Selbstbewusstsein.
Auch die Mitarbeiter werden seit Jahren regelmäßig extern weiter geschult.
V. Mein Alter
Natürlich bin auch ich älter geworden.
Früher war ich näher dran, mittlerweile bin ich für die Jungen steinalt.
Ein gemeinsamer Disco- Besuch ist eher peinlich.
Doch die Jungen fordern meine Qualitäten als weiser Mann.
Einen nicht alternwollenden, turnschuhtragenden Berufsjugendlichen lehnen sie ab.
Gleichzeitig genießen sie die Nähe der jungen Mitarbeiter.
Abschließend möchte ich noch sagen, was sich nicht verändert hat.
Die Jugendlichen sind nicht schlimmer geworden und ich habe immer noch Spaß an der Arbeit!
Zwar mag es bisweilen undankbar scheinen, mit Jungen zu arbeiten.
Manchmal denke ich das auch, denn häufig höre ich nach ihrer Entlassung jahrelang nichts von ihnen.
Aber plötzlich stehen sie dann doch wieder vor der Tür, scheinbar ohne Anliegen, einfach nur so; oder wie neulich Timo mit der Frage:
Darf ich dich noch einmal in den Arm nehmen-