Ich hab dich lieb

Ich, Simone Schreiber, bin 32 Jahre alt und arbeite seit fast 13 Jahren im Haus Narnia. Die Therapeutische Lebensgemeinschaft hat sich zu einer Facheinrichtung für Jungenarbeit und Gewaltpädagogik entwickelt und auch ich hatte die Möglichkeit zu meiner individuellen Entwicklung innerhalb des Hauses.
Beginnend als Studentin für Sonderschulpädagogik, dann Abbruch, Ausbildung zur Erzieherin und Weiterbildung arbeite ich heute als Heilpädagogin in Einzelsituationen mit den männlichen Jugendlichen.


Im Sommer steht für mich eine neue Herausforderung an.
Ich habe mich zur Weiterbildung Konfliktberatung entschieden.
Auch für diesen neuen Weg weiß ich mich auf mein vertrautes "Zu-Hause-Narnia" verlassen zu können.

Schreiben bzw. erzählen will ich heute von meiner Arbeit.

Mein Schwerpunkt stellt immer die Beziehungsarbeit dar.
Praktisch machen möchte ich das Thema anhand der Zusammenarbeit mit einem der Jugendlichen.
Seit September 2001 treffen Marc und ich uns regelmäßig 1 mal pro Woche in Einzelsituationen.

Wir begegnen uns häufiger im Hause, mal auf ein Schwätzchen, mal zum gemeinsamen Essen oder feiern Feste.
An einem Dienstag Nachmittag im September 2001 lernen M. und ich uns kennen.
Wir treffen uns in Marcs Zimmer und ich bekomme einen Platz angeboten (dieser Platz ist heute noch meiner).
Inzwischen ist Marc in ein "Arbeiterzimmer" gezogen und bereits 18 Jahre alt geworden.
Unsere Rituale haben Bestand und es kommen neue hinzu.

Eines der Rituale ist unsere Teerunde.

D.h. wir treffen uns meist bei Marc und ich bringe den Tee und manchmal auch Gebäck mit.
Marc macht es uns gemütlich (gestaltet den Raum, sucht Musik aus, sorgt für frische oder duftende Luft) und ab und zu lädt Marc mich zum Tee ein.
Wir hören Musik, unterhalten uns, lachen und schweigen gemeinsam, trauern leise und reden über Gefühle und Ereignisse.
Gern zeigt Marc mir seine Welt und lässt mich daran teilhaben, sei es nun die Eisenbahn- oder früher Siku-Treckerwelt oder die reale, seine Herkunft in S., die Häuser und Gräber seiner Familie.
In meine Welt tauchen wir ein, wenn ich Marc zu mir einlade z.B. zum Kochen, Frühstück oder Aufbau seiner Eisenbahn in meinem Wohnzimmer.
Noch vor unserer ersten Begegnung verbindet uns ein ähnliches Schicksal.

Wir haben jeder ein Elternteil verloren und sind traumatisiert durch diesen Verlust.
Das verbindet uns weiterhin und lässt uns beide heute auf den anderen und seine Gefühle achten.
Auch jetzt beim Schreiben spüre ich die Tränen in meinen Augen.
Erst letzte Woche saß Marc mir mit glasigen Augen gegenüber.
Gern nähme ich ihn tröstend in den Arm.
Ich streichle ihm über den Kopf.
Marc fragt mich das erste Mal in einer Abschiedssituation in die Ferien, ob er mich umarmen dürfe.
Das hat er von den Männern im Haus Narnia gelernt und zeigt es nun mir.
Die letzte Umarmung vor wenigen Wochen ist eine impulsiv freudige.
Marc kommt vom Hilfeplangespräch zurück und teilt mir seine Gefühle durch diese Form des Körperkontakts mit.
Worte sind überflüssig.
Was machen wir beide nun, wenn wir nicht gerade Tee trinken, weinen oder uns umarmen-

"Eine ganze Menge und in ganz Schleswig-Holstein"

waren Marcs Worte.

Marc hat eine Leidenschaft für die Landwirtschaft und ist in diesem Bereich auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Als wir uns kennen lernten, arbeitete er bei einem Bauern an den Nachmittagen.
Zu der Zeit ist Marc noch Schüler und verzichtet für unsere Treffen auf seine Zeit beim Bauern.
So ist es die Idee nach Rendsburg zur Norla zu fahren.

Es ist unsere zweite Begegnung und wir betreten Neuland fernab von den gewohnten "4 Wänden" im Hause. Marc taucht ein in die Atmosphäre der Landwirtschaftsmesse.
Wir lernen uns kennen im Außen. Ich lerne viel von Landwirtschaft, Fahrzeugen, Tieren und Marcs Interessen und Fähigkeiten.
Er erlebt eine Struktur, die ich vorgebe und so mutmaße ich aus heutiger Sicht, lässt sich auf ein Wagnis ein: Die unbekannte variable Heilpädagogin.

Als nächstes besuche ich Marc bei seinem Bauern und schaue beim Silofahren zu.

Stolz zeigt mir Marc "seinen" Hof. Ein weiteres Ritual ist unser Autopicknick.
Es entwickelte sich bei einem Ausflug nach Ascheberg. Dort wird die Milch seines Bauern abgenommen und zu Käse verarbeitet.
In die Käserei kann man nicht hinein, das wissen wir zuvor. Wir kaufen Käse im Direktverkauf und Brötchen nebenan beim Bäcker.
Tee haben wir dabei und wollen an einer schönen Ecke in Ascheberg in der Natur Rast machen.

Aber es ist Dauerregen. Also verlegen wir das Picknick ins Auto. Lecker mit heißem Tee und Honig, dick Käse auf dem Brötchen.
Die Scheiben beschlagen von Innen. Die Außenwelt verschwindet im Nebel und wir sind in Kontakt.
Unser zweites Autopicknick ist als solches geplant. Wir fahren zum Miniaturwunderland nach Hamburg als Teilabschluss unserer Maßnahme, denn eine neue Zielformulierung tritt in Kraft.
Wir arbeiten seit Herbst letzten Jahres am Thema Abschied, dazu gehört unser beider Abschied voneinander.

Bei diesem Ausflug lassen wir es uns gut gehen und sind getragen von unserer vorausgegangenen Beziehungsarbeit.

Die Beziehung trägt und wir können an jenem Samstagnachmittag die Früchte unserer Arbeit ernten.
Nach der Ausstellung sitzen wir im Auto auf dem Parkplatz, trinken Tee und genießen den Käsekuchen, um den Marc zuvor bei der Hauswirtschafterin der Einrichtung gebeten hat.
Ein toller Tag. So könnte ich noch von vielen kleinen Begegnungen berichten.

Beziehungsarbeit heißt für mich, das Angebot machen, mich als Person zu zeigen und vor allem meinem Gegenüber mit Wertschätzung zu begegnen.
In kleinen Sequenzen findet echter Kontakt statt, die Beziehung auf ihren verschiedenen Ebenen bereitet die Basis dazu.
Die Kontakte prägen beide Teilhabende und lassen diese Gefühle wahrnehmen und deren Leben in Bewegung geraten.
Zum Ende will ich aber noch meine Titelwahl erklären. Die zweite Zeile war zuerst da, vom Kopf gesteuert.
Ich schreibe sie als Arbeitstitel für die Redaktion auf ein Papier - während des Mitarbeitertreffens.
Die erste fällt mir auf der Rückfahrt im Auto nach diesem Treffen wieder ein.
Ich denke über den Artikel nach und somit über Marc.

Als ich weiß worüber ich schreiben will, frage ich Marc um sein Einverständnis.
Ich erzähle, dass ich über unsere Beziehung schreiben möchte und dass ich ihn mag.

"Nein, ich hab Dich lieb",

ergänze ich.

"Das weiß ich doch"

sind Marcs Worte.

Und wieder spüre ich die Tränen in den Augen. Ich danke Marc für sein Vertrauen und die Fotoauswahl.

Ich danke Thomas Hölscher, meinem Arbeitgeber, für die Freiheit so arbeiten zu können und das Vertrauen in mein Tun.
Ich danke mir für diesen Artikel und meine Offenheit.
Ich danke dem Leser für seine Aufmerksamkeit.
Simone Schreiber,
Erzieherin und Heilpädagogin,
Haus Narnia