geschlechtsspezifische Jungenarbeit
Stinkende Socken in zur Werkstatt umfunktionierten Schlafzimmern, knallende Türen, geschundenes Mobiliar und erhöhter Fahrradverbrauch – erkennt man daran eine
Einrichtung, in der geschlechtsspezifische Jungenarbeit betrieben wird?
Sind diese Phänomene nicht ebenso häufig in anderen Jugendhilfeeinrichtungen zubeobachten. Gehört zu der neuen Methode – Jungenarbeit – unflätiges Benehmen und Rülpsen sowie abendliches

Sprücheklopfen am Tisch? Stimmt die Aussage der hier betreuten, großteils heim- und psychiatrieerfahrenen Jungen, die Neuankömmlinge mit dem Spruch begrüßen: „Das ist hier eine Schwulen-WG!“?
Bevor wir unsere praktische Tätigkeit konkretisieren, wollen wir uns zunächst einer theoretischen Auseinandersetzung mit diesem Thema widmen.
I. Theoretische Grundlagen
1. Was ist Jungenarbeit?
Der geschlechtsspezifische Umgang mit Mädchen und Jungen gewinnt in der Jungenarbeit zunehmend an Bedeutung. Im KJHG heißt es hierzu, bei der Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen seien „die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern.“
In der Arbeit mit Mädchen gibt es seit längerem Konzepte und Pädagoginnen, die parteilich für Mädchen und junge Frauen arbeiten. Für die Arbeit mit Jungen wird noch häufig vermutet, die klassische Jugendarbeit sei ohnehin an den Bedürfnissen der Jungen orientiert. Sicherlich ist es gerade auch in der Heimerziehung häufig so, dass Jungen ihre Problematik verstärkt nach außen tragen und so die Aufmerksamkeit der sie betreuenden Personen auf sich ziehen. Dennoch ist es voreilig, daraus zu schließen, dies hätte automatisch eintieferes Verständnis für die Problematik von Jungen und die Arbeit mit Jungen zur Folge.
Jungenarbeit hat sich zum Ziel gesetzt, Jungen mit ihren Problematiken zu begreifen und sie in ihrer Persönlichkeit zu fördern und zu stützen.
2. Ansätze von Jungenarbeit
Es gibt inzwischen verschiedene Ansätze geschlechtsspezifischer Jungenarbeit, die sich im Arbeitsansatz, in der Sichtweise und Methodik teilweise stark voneinander unterscheiden. Antisexistisch, emanzipierte, reflektierte, parteiliche, feministischen oder auch kritisch-solidarische Jungenarbeit, dies sind nur einige Begriffe, mit denen geschlechtsspezifische Jungenarbeit betitelt wird. Die unterschiedlichen Bezeichnungen machen das Spannungsfeld zwischen Empathie und Abgrenzung bewusst, in dem sich eine geschlechtsspezifische Arbeit mit Jungen befindet. Einerseits muss Jungenarbeit empathische, liebevolle Arbeit sein, die die Jungen als Opfer von Gesellschaft, Familie sowie Schule und anderem begreift und sich zum Ziel gesetzt hat, Jungen in ihrem Selbstwertgefühl, in ihrer Geschlechtsidentität und ihrer Kraft zu fördern und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Andererseits muss Jungearbeit auch Stellung beziehen zu Übergriffen durch die Jungen, seien es Regel- und Grenzverletzungen, Straf- oder Gewalttaten, verbale und körperliche Aggressionen, ausländer- und frauenfeindliche Attacken usw.
Ein Verständnis für die Situation von Jungen ist zwar sinnvoll, dennoch ist auch klare Abgrenzung und Grenzsetzung nötig.
Trotz aller Unterschiedlichkeit hat jedwede Jungenarbeit auch gemeinsame Arbeitsansätze:
Die Adressaten werden explizit als Geschlechtswesen begriffen.
Es wird gezielt an Problemzonen der Geschlechtsidentität gearbeitet.
Das Geschlechtsverhältnis wird thematisiert.

Soziale Probleme wie z.B. Gewalt und Kriminalität werden auch als Männlichkeitsproblem interpretiert.
Die Festigung der Persönlichkeit der Jungen steht, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, im Vordergrund.
3. Sozialisation von Jungen
Über geschlechtspezifische Sozialisation von Jungen ist inzwischen viel wissenschaftliches Material vorhanden, dass das Verständnis von Jungenarbeit fördern kann. Die Erziehung von Jungen wird, gerade in den ersten Lebensjahren, immer noch von Frauen übernommen. Männer sind nach wie vor in Familie, Kindergarten und Grundschule deutlich unterrepräsentiert. Den Jungen steht so kein greifbares Bild zur Bildung einer Geschlechtsidentität zur Verfügung. Sie erfahren lediglich, dass Mannsein heißt, anders zu sein als die Mutter, nicht weiblich zu sein. Es kommt häufig zu einer Abgrenzung von allem Weiblichen (Gefühlen, Mädchen, Körperkontakt zu Jungen) und einer Flucht in Konstrukte von Männlichkeit: Supermänner, Straßencliquen, Rechtsradikalismus.
Vorhandene Ohnmachtsgefühle und Unsicherheiten, auch mit der Geschlechtsrolle, werden kompensiert durch Alkohol, Drogen, Gewalt. Jungen erfahren, erlernen und reproduzieren häufig Prinzipien männlicher
Lebensbewältigung, die in der Fachliteratur wie folgt klassifiziert werden:
Externalisierung:
Außenorientierung von Wahrnehmung und Handeln
Gewalt:
Legitimes Konfliktlösungsmitte, gegen Frauen, Kinder, andere Männer und sich selbst.
Benutzung:
Funktionaler Blick auf Umwelt und Menschen
Stummsein:
Männer verstehen sich auch ohne Worte
Alleinsein:
Eigenständigkeit wird zum Zwang, Hilfe kann weder eingefordert noch angenommen werden
Körperferne:
Funktionalisierung des eigenen und anderer Körper
Rationalität:
Verstand und Logik dominieren Handeln und Gefühl
Kontrolle:
Angst vor Kontrollverlust
Auch wenn es sich bei dieser Klassifizierung nur um ein Konstrukt handelt und dieses aufgrund zunehmender Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse aufweicht, sind Jungen und Männer häufig mit diesen Prinzipien täglich konfrontiert, auch drängt sich eine Übernahme dieser Verhaltensmuster förmlich auf.
4. aktuelle Situation im Heimbereich
Legt man die oben genannten Prinzipien als Verhaltensorientierung zugrunde, so ist nicht verwunderlich, dass Jungen häufiger in Heime vermittelt werden als Mädchen. Etwa 60% der in Heimerziehung vermittelten Kinder und Jugendlichen in Schleswig-H olstein sind Jungen (Statistisches Landesamt, Jahresbereicht 1992/93/95). Es ist Aufgabe der Heimträger, auf diese Entwicklung klienten- und bedarfsgerecht zu reagieren. Eine geschlechtsspezifische Sichtweise auf das Verhalten der Jungen kann dabei das Verständnis für Auffälligkeiten fördern und so die Arbeit erleichtern.
5. Rolle des Pädagogen
In der Fachliteratur wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sich geschlechtsspezifische Jungenarbeit nicht über neue Methoden, sondern über eine veränderte Sicht auf die Jungen definiert. Daher kommt der Persönlichkeit des Pädagogen zentrale Bedeutung zu. Er sollte in der Lage sein zu reflektieren und seine Berufsmotivation kennen. Selbstverständlich ist auch eine Empathie für die Jungen und ein grundsätzliches Verständnis, da ihn durch sein Geschlecht, seine Sozialisation usw. viel mit den Jungen verbindet.
Daher sollte der Pädagoge sich auch nicht davor scheuen, seine Vorbildfunktion anzunehmen und Möglichkeiten einer positiven Geschlechtsidentifikation anzubieten. Positive Männlichkeit heißt in diesem Fall vor allem, die starren Bilder aufzuweichen, Handlungsalternativen und –Vielfalt anzubieten und vorzuleben.
Gleichzeitig ist elementare Voraussetzung der Beziehungsarbeit, Jungen so, wie sie sind, ernst zu nehmen und dort, wo sie stehen, abzuholen. Ist eine Beziehung gefestigt, braucht der Pädagoge keine Scheu zu haben, sich an Grenzbereiche heranzuwagen (Körperarbeit, Sexualität, Gewalt, Frauenbild). Ein feines Gespür erfordert auch die Tatsache, dass Aggressionen der Jungen als positive Lebensenergie verstanden und als solche ausgelebt bzw. kanalisiert werden müssen, während Gewalt klare Grenzsetzung erfordert.
II. Umsetzung in die Praxis
1. Beschreibung unseres Klientels
Die „Therapeutische Lebensgemeinschaft Haus Narnia“ betreut im Rahmen der stationären Jugendhilfe Jugendliche ab dreizehn Jahren. Die Einrichtung besteht seit 1988, seit 1992 sind ausschließlich männliche Jugendliche aufgenommen worden. Zur Zeit werden von uns sechs männliche Jugendliche im Alter von 14-17 Jahren betreut. Auffällig in unserem Kleinheim ist, dass unsere Jungen die oben genannten Prinzipien männlicher Lebensbewältigung sehr stark verinnerlicht haben und zum Großteil ihr Handeln danach ausrichten. Es gibt auch Jungen, die sich genau entgegengesetzt verhalten und immer wieder zum Opfer werden. Diesen Jungen fehlt aber eine positive männliche Geschlechtsidentität. Bei unseren Jungen ist das Vater-Sohn-Verhältnis ausnahmslos das am stärksten zerrüttete. Die Väter sind verstorben, vor oder kurz nach der Geburt verschwunden, desinteressiert, verhasst oder unbekannt. Auch wenn viele Einflüsse die Jungen so werden lassen, sie sind, so bleibt die Nichtexistenz des Vaters häufig unberücksichtigt oder unausgesprochen. Wir versuchen, den Blick der Jungen auch auf Erfahrungen, Wünsche und Enttäuschungen mit ihrem Vater zu richten.
2. Beispiele aus der Praxis
In unserer Arbeit legen wir Wert auf drei Schwerpunkte:
a) Lebensgemeinschaft
Mit Rücksicht auf die eigenen und fremden Bedürfnisse versuchen wir in der therapeutischen Lebensgemeinschaft einen gemeinsamen Lebensraum zu gestalten. Die Jungen lernen sich und andere wahrzunehmen.In
der wöchentlichen Gewittersitzung (siehe gegenüberliegende Seite) wird gezielt Dampf abgelassen. Schwierigkeiten und Fähigkeiten werden beim Namen genannt und alternative Konfliktlösungsmöglichkeiten ausgesprochen. In der geschlechtshomogenen Gruppe können die pubertierenden Jungen ihre Masken beiseite legen und Rivalitäten zurückstellen. Es ist möglich, offen und lebhaft mit ihnen über Freundinnen, Liebe, Freundschaft und Konflikte mit den Eltern zu reden. Ziel der Lebensgemeinschaft ist es, die Jungen zu Selbständigkeit und sozialer Verantwortung anzuleiten. Die Jungen nehmen im Alltag wahr, dass auch Männer
„weibliche“ Tätigkeiten ausüben können und müssen (Wäsche waschen, gemeinsam Zimmer aufräumen, Kochen, Atmosphäre schaffen usw.)
b) Individualität
Jeder Einzelne wird aber auch gleichzeitig als Individuum wahrgenommen. In gezielten Einzelsituationen begegnen die Jugendlichen unbekannter Wärme und Nähe zwischenmenschlicher und zwischenmännlicher
Beziehung.Sei es das abendliche Vorlesen am Bett, das Angeln zu zweit an einem ruhigen See, das gemeinsame Basteln oder das Sich-Miteinander-Messen beim Armdrücken oder beim Versuch, Gewicht abzunehmen, den Jungen machen diese gemeinsamen Aktivitäten vor allem eines deutlich: Auch unter Männern ist es möglich, Nähe, Verbindlichkeit und Offenheit zuzulassen und zu erleben. Die männlichen Betreuer leben unbekannte Männerbilder vor oder belegen klassisch männliche väterliche Felder, ohne die Verletzungen der leiblichen Väter zu wiederholen. Gespräche von Mann zu Mann, in denen Tabuthemen wie Sexualität ausgesprochen werden, dienen dazu, dass die Jungen erfahren, dass sie mit den sie übermannenden Gefühlen nicht alleine in der Welt stehen.
c) Körper
Körperarbeit ist das dritte wichtige Moment unserer Tätigkeit, da die Jungen meist überhaupt nicht mit ihrem Körper verbunden sind. Gemeinsame handwerkliche Arbeiten und Sporttreiben stehen Massagen und
Entspannungsbädern gegenüber. „Rangeleien“ werden als Versuch der Kontaktaufnahme gedeutet. Dadurch werden freundschaftliche Umarmungen häufig erst möglich.
III. Fazit
Viele, die diesen Text gelesen haben, werden sich fragen, was denn nun wirklich anders ist in dieser Jungenarbeit. Jungenarbeit ist keine neue Methode, sondern eine neue Sichtweise. In der Jungenarbeit tätige Betreuer begreifen sich als Mann und die Jungen als Jungen, die Männer werden wollen. Bereits nach kurzer Zeit spüren die aufgenommenen Jungen, dass sie als heranwachsende Männer wahr- und ernst genommen werden. Obwohl sie sich altersgemäß in einer Abnabelungsphase befinden, lassen sie sich auf die neue unbekannte Beziehung ein. So kommt es zu erfolgreichen Betreuungsverläufen sogar bei den Jugendlichen, die bei ihrer Aufnahme in die Einrichtung bereits 15 Jahre und älter sind.

Es schließen sich viele weitere Fragen an. Nicht alle können wir beantworten, denn die Ausführungen versuchen etwas zu beschreiben, was man leichter am
eigenen Leib spüren und erleben kann.
Thomas Hölscher, Diplomwaldorfpädagoge
Thomas Jelinski, Dipl. Sozialpädagoge (von1 994-99 Mitarbeiter der Therapeutischen Lebensgemeinschaft „Haus Narnia“
