"Womit verdient ihr eigentlich euer Geld?"
Alltag von morgens um sechs bis abends um elf
Die Frage, was wir den ganzen Tag zu tun hätten, wird uns häufig gestellt, insbesondere dann, wenn sich unsere Jugendlichen unauffällig verhalten oder gar einen liebenswerten Eindruck hinterlassen. Wenn doch etwas „passiert“, Straftaten begangen werden oder die Jungen auffällig sind, steigt die Wertschätzung unserer Arbeit. „Ich frage mich, wie Sie das aushalten“, ist ein gängiger Kommentar. Aber wie sieht die Alltagsarbeit aus, was ist unser Beitrag, die Jungen zu verantwortlich handelnden jungen Erwachsenen werden zu lassen?
6.00 Uhr
Die ersten Jugendlichen werden geweckt.
6.15 Uhr
Frühstückszubereitung
6.30 Uhr
Mehrmaliges energisches Wecken; geduldiges Überhören gängiger Beschimpfungen; 15 Minuten vor Arbeitsbeginn fällt einem Jugendlichen ein, dass sein Fahrrad kaputt ist und er gefahren werden müsse. Kurzes Überprüfen der Alternativen: Fahren und sich benutzen lassen oder gehen lassen und Ärger bei seiner Arbeit riskieren, Entscheidung wird intuitiv getroffen.
7.00 Uhr
Wecken der Schulpflichtigen, Ablauf siehe oben, Behandlung kleinerer Krankheiten, die dem Schulbesuch oder dem Radfahren im Wege stehen.
7.30 Uhr
Idealerweise alle aus dem Haus; in der Regel unrealistisch, da meist einer später los muss, krank ist oder einen offiziellen Termin hat.
8.00 - 12.00 Uhr
Bürozeit: z.B. Termine mit Jugendamt, Gericht, Arbeitsamt, Arbeitgebern; Abfassen von Briefen, Anträgen, Berichten, Rechnungen; Kennenlernen neuer Jugendlicher; Team- oder Supervisionssitzungen.
8.30 Uhr
Ein Anruf unterbricht die Bürozeit: Nach einer Schlägerei wurde Schüler X vom Unterricht ausgeschlossen. Intensive Beschäftigung mit dem Vorfall, sobald Klärung möglich ist.
11.15 Uhr
Die ersten Schüler kommen aus der Schule, Stimmung mäßig, die Zeit bis zum Mittagessen wird lang.
12.00
Zwei Jugendliche beschuldigen sich gegenseitig zu laut Musik gehört zu haben, kurzes Anpöbeln und Türenknallen, normales Ablassen von Energie, Eingriff nicht sinnvoll.
12.45 Uhr
Mittagessen; auch hier oftmals angespannte Stimmung (nach Schulschluss bzw. Arbeitspause). Es ist wichtig, die Jugendlichen zur Ruhe zu bringen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen.
13.30 Uhr
Erneutes Motivieren der Arbeitenden, sich nach der Pause wieder zur Arbeit zu begeben. Versuch, die anderen zu einer Mittagspause zu bewegen.
14.00 Uhr
Beginn der Hausaufgabenbetreuung; aufgrund intellektueller oder Konzentrationsschwierigkeiten ist intensive Begleitung notwendig.
15.00 Uhr
Freizeit für die Jüngeren: Angebote machen, aber auch die Selbstständigkeit fördern. Nach 30-minütiger Diskussion schafft es ein Junge sich zu verabreden oder in den Jugendtreff zu fahren. Bei einem anderen ist heute Langeweile. Er wird bewusst in diesem Zustand belassen und die ständig schlechter werdende Laune ausgehalten.
16.00 Uhr
Arbeitsende der Älteren. Geschafft von der Arbeit liegen die Nerven blank. Konflikte sind an der Tagesordnung. Innerhalb der Gruppe: Ein Gegenstand wurde verliehen und kaputt zurückgegeben, es wurde jemand beklaut. Für einen Dritten ist einziges Interesse, jemanden zum Zuhören zu haben. Mit uns werden Konflikte heraufbeschworen: Übers Taschengeld, die Definition von Zimmerlautstärke und überhaupt, eigentlich hätten wir uns da gar nicht einzumischen.
17.30 Uhr
Ein Anruf aus dem Ort. Es geht um ein Strafdelikt in unserer Nähe. „Das war bestimmt einer von euch!“. Kurze Kontrolle. Nein, alle sind zur angegebenen Zeit beaufsichtigt gewesen. In einem längeren Gespräch kann das Vorurteil aus dem Weg geräumt werden.
18.00 Uhr
Zubereitung des Abendbrotes.
18.45 Uhr
Nach dem Abendbrot beginnt eine weitere Phase der Hausaufgabenhilfe oder Hilfe beim Erstellen von Berichten.
20.00 - 22.00 Uhr
Freizeit, Fernsehzeit. Häufig gelingt es aber auch, die Jungen zu einem Spiel oder Ähnlichem zu bewegen. Auch für Einzelgespräche ist jetzt Raum (Perspektivplanung, Situation mit den Eltern, Konfliktbearbeitung). Gerade in der Einzelsitzung sind sehr schöne Begegnungen möglich (Massagen, Gespräche, manchmal bekommt man einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt der Jungen, erntet Dankbarkeit, Highlights der Arbeit).
22.30 - 23.00 Uhr
Zapfenstreich, auch hier muss noch mal darauf geachtet werden, dass die Jungen ruhig einschlafen, um möglichst keinen Ballast in den Schlaf mitzunehmen.
23.00 - 6.00 Uhr
Nachtbereitschaft, Anwesenheitspflicht.
Ein zusammengestellter, aber kein ungewöhnlicher Tag. Sicher gibt es auch Tage, an denen alle Jugendlichen versorgt sind und Ruhe herrscht. Aber auch dann hat man die Jugendlichen stets im Bewusstsein. Viele Arbeitsfelder sind unerwähnt geblieben (Elterngespräche, Körperhygiene, Ordnung, Alkoholprobleme, Sexualität, körperliche Gewalt...). Aber morgen ist auch noch ein Tag!
